Folge dem Stern deiner Berufung

By Jan | Achtsamkeit

Okt 29
Sternschnuppe

Im letzten Artikel haben wir uns die erste Phase der Geburt angeschaut: das „Hineingehen“.

Der Fötus beansprucht mehr Platz und auch die Mutter spürt instinktiv, dass die Phase der Loslösung kommt. Das Ungeborene möchte nun selber die bisher nährende und schützende Heimat verlassen und ins Ungewisse vordringen.

Diese Phasen der Geburt schauen wir uns im Blick auf unsere weiteren Wachstumszyklen im gesamten Leben an. Wir können hier beobachten, dass

jeder neue Wachtumsschritt im Leben den 4 Phasen der Geburt folgen.

Bitte habe beim Lesen immer dein aktuelles Leben vor Augen und frage dich: welcher Entwicklungsschritt steht in meinem Leben an?

Heute geht es den nächsten Schritt: die zweite Phase, die ich „dem Licht folgen“ nennen möchte.

Was geschieht hier?

Sobald der Muttermund so weit gedehnt ist, dass der Kopf des Ungeborenen sich in den Geburtskanal hineinzwängen kann, ändert sich die Situation grundlegend. Es kommt Bewegung in die Szene. Du Mutter kann die aufkommenden Wehen durch eigenen Druck selber regulieren und so den Verlauf der Geburt mehr als vohrer beeinflussen. Die Einstellung der Mutter zur Geburt ist dabei mit entscheidend. Sie muss das Kind innerlich und physisch hergeben. Das kleine Wesen ist wie ein Keil, mit dem die Mutter den sehr engen Geburtskanal immer mehr dehnt. Für das Ungeborene ist es ein wirklicher Kampf ums Überlegben. Durch den Druck werden mächtige Energieströme zunächst gestaut und dann ruckweise plötzlich entladen. Das Kind muss sich durch die Beckenöffnung zwängen und sich um seine Längsachse drehen, bis es schließlich in der richtigen Lage das Licht der Welt erblicken kann.

In dieser Phase kann sich das Ungeborene aktiv beteiligen und hat nun das Gefühl, dass sein Leiden eine bestimmte Richtung und ein Ziel besitzt.

Dieses Erleben wird später in anderen Wachstumsphasen des Lebens ähnlich erlebt.

Es prägen sich Vorstellungen eines großen Kampfes oder anderen mythologischen Auseinandersetzungen ein. Das sind Bilder von Vulkanausbrüchen, Wirbelstürme, Kriegsszenen oder Raketenexplosionen.

Das Leitmotiv in dieser Phase lautet:

Dem Licht folgen.

Mutter und Kind kämpfen, um dieses Leben durchzubringen. Auch bei jedem anderen Wachstumsschritt im weiteren Lebenslauf geht es um diese zweifache Aufgabe: das Licht entdecken und ihm mit aller Kraft zu folgen.

Urbild dafür sind die drei Weisen aus dem Morgenland. Die Geburt Christi kündigt sich durch einen Stern an, dem die Weisen auf einer langen und riskanten Reise folgen.

Hier ist wichtig: Nicht jedes Licht, nicht jeder Stern ist richtig oder für mich bestimmt!

Manche Menschen sprudeln nur so vor Einfällen und sind schnell für eine Idee begeistert. Andere trauen sich nicht recht und kommen durch ihr Zögern und Abwägen nur schwer von der Stelle.

Es braucht ein inneres Gespür und ein Hören auf Gottes Stimme, um dem Licht zu folgen, das für mich bestimmt ist.

Woran erkenne ich das richtige Licht, den Stern, der für mich bestimmt ist?

Der wahre Stern erleuchtet nicht nur meinen Verstand, sondern erweckt auch etwas in meinem Herzen. Recht sicher sind wir, wenn wir dabei die Bewegung von

  • Liebe
  • Hoffnung
  • Frieden

spüren.

Den Stern entdecken und ihm mit aller Kraft folgen – das ist die Aufgabe im Übergang von der ersten zur zweiten Geburtsphase.

Die erste Phase der Geburt bedeutet „Hineingehen“. Das Ungeborene muss etwas loslassen und mit Mut in etwas Unbekanntes hineingehen. Nur wenn wir dazu bereit sind, können sich neue Entwicklungen in unserem Leben einstellen.

Die zweite Phase bedeutet Kampf und dran bleiben, sowie ein Gespür für die richtige Richtung bekommen.

Diese zweite Phase ist deshalb so wichtig, weil sie uns immer klarer in unsere Bestimmung bringen möchte.

Dazu eine Geschichte:

„Ein Mann bestellt einen Maßanzug, ist aber mit dem Ergebnis alles andere als zufrieden. Er zupft an den Ärmeln und beklagt, dass die Ärmellänge unterschiedlich ist. Der Schneider erwidert etwas ungehalten: „Ja, so wie sie dastehen, ist das auch kein Wunder. Normalerweise trägt man ja auch etwas mir rechts: Senken sie mal die rechte Schulter und heben sie den linken Arm, zum Beispiel so…“ Der Schneider tut so, als würde er in der rechten Hand etwas Schweres tragen, und fordert den Kunden auf, dasselbe zu tun. „Na sehen sie! Der Ärmel sitzt doch absolut perfekt“, stellt der Schneider triumphierend fest. „Nun gut“, lenkt der Kunde ein. „Aber was ist mit dem rechten Hosenbein, das ist viel zu weit und zu lang.“  Der Schneider winkt ab. „Wenn sie so dastehen, ist das kein Wunder. Winkeln sie doch mal das rechte Bein etwas an. Noch etwas mehr, so als würden sie eine Treppe hochgehen. Genau! Und schon sitzt die Hose wie angegossen.“ Achselzuckend bezahlt der Kunde und betritt im neuen Anzug die Straße. Er hält die rechte Schulter gesenkt und seinen linken Arm höher, als würde er schwer tragen, und das rechte Bein ist selbst beim Gehen angewinkelt. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite flüstert eine Frau zu ihrer Freundin: “ Schau mal, der verkrüppelte Mann da drüben!“ Entgegnet die Freunden: “ Der Ärmste! Aber einen erstklassigen Schneider hat er.“
Diese Geschichte bringt auf den Punkt, was passiert, wenn wir unser Leben hauptsächlich von äusseren Normen und dem Mainstream prägen lassen. Frauen versuchen den Idealmaßen zu entsprechen, Männer folgen unreflektiert einem bestimmten Karrieremuster, Jugendliche zahlen „Monatsbeiträge“ an bestimmte Markenklamotten. Die Lebensmitte wird zur Midlife-Crisis wenn man „oben“ angekommen ist, aber dann erst merkt, dass die Leiter an der falschen Mauer steht.
Sam Keen, der Autor des sehr inspirierenden Buchs „Feuer im Bauch“ formulierte es so:
Es gibt zwei zentrale Fragen im Leben: „Wohin gehst du?“ und „Wer geht mit dir?“

Die größten Probleme kommen, wenn wir die Reihenfolge dieser Fragen umdrehen!

Um den ganz eigenen Lebensweg gehen zu können und dem „eigenen Stern“ zu folgen, ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen.

Wenn möglich in der Abgeschiedenheit.

Im Alter von 20 Jahren habe ich mich für 3 Tage in eine einsame Hütte zurück gezogen und aufgeschrieben, wovon ich träume, was mir wichtig ist, was ich in meinem Leben einmal erreichen möchte. Es war die Zeit, in der ich nach meiner Lebensberufung fragte und die ersten bewussten „großen Entscheidungen“ für mein Leben treffen wollte. Heute bin ich 52 Jahre alt und wenn ich in diese Blätter, die ich mir aufbewahrt habe hineinschaue, entdecke ich einiges von dem, was ich jetzt lebe.  Einiges hat sich nicht erfüllt oder auch verändert. Aber es ist für mich erstaunlich, wie früh bestimmte Werte in mir bewusst waren, die für mich und mein weiteres Leben wichtig waren.

Nicht jeder Mensch arbeitet so bewusst mit seinen Werten und Zielen. Manch einer schafft es, ganz intuitiv den richtigen Impulsen zu folgen. Es ist jedoch eine große Hilfe, über das nachzudenken, was mir wirklich wichtig ist und was als innerer Kompass in meinem Leben angelegt ist. Ansonsten ist die Gefahr groß, dass man die Orientierung und das Gefühl von der Sinnhaftigkeit des eigenen Lebens verliert. Man agiert im Alltagsgetriebe, aber sieht sprichwörtlich „den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr“.  Wir treffen dann täglich Entscheidungen, aber es fehlt eine grundlegende Orientierung. Sicher ist: wenn ich meinem Leben keine Richtung gebe, dann tun es andere für mich. Alle Entscheidungen, die ich nicht selbst treffen möchte, übernehmen andere, die dominanter sind als ich.

Zufriedenheit, Kraft und Sinn kommt ins Leben, wenn ich meine zentralen Werte kenne und möglichst viele davon im Alltag umsetzen kann. Denn hinter jedem Wert steckt auch ein tiefes Bedürfnis.

Wenn ich Klarheit über meine zentralen Werte bekommen habe, besitze ich einen inneren Kompass, ein Wertesystem, dass ganz tief mit meinem wahren Selbst verbunden ist. Jeder Wachstumsschritt in unserem Leben fordert uns heraus, uns mit unseren tiefsten Werten auseinander zu setzen. Das bedeutet, den Stern oder dem Licht zu folgen.

Werte sind ethische, moralische und soziale Orientierungen wie z.B. Liebe, Freiheit, Ehrlichkeit, Mitgefühl, Kreativität, Reichtum, Einfluss….  Je nachdem, welche Werte mir besonders wichtig sind, beurteile ich menschliches Verhalten – mein eigenes und auch das anderer Menschen.

Wenn z.B. ein Chef seinen unfähigen, aber gutmütigen Mitarbeiter entlässt, wird das unterschiedlich beurteilt, je nachdem, ob ich den Wertemaßstab „Erfolg“ oder „Mitgefühl“ höher ansetze. Wenn ich den Wert „Abenteuer“ sehr hoch in mir trage, werde ich mir eine andere Arbeit suchen als jemand mit dem Wert „Sicherheit“.

Um sich den eigenen Werten bewusst zu werden, gibt es inzwischen viele Bücher und Tests zu diesem Thema. Du kannst dir aber auch einfach einige Minuten Zeit nehmen und anhand dieser Fragen Klarheit bekommen:

  1. Überlege einen Moment, was dir als Kind wichtig war. Was hast du gerne getan, was hat dich begeistert. Versuch dich an ein paar Situationen zu erinnern und formuliere dazu ein zusammenfassendes Wort.
  2. Schreibe nacheinander all das auf, was dir zu der Frage einfällt:  Was ist mir persönlich wichtig? 

Eine andere Herangehensweise kann sein: Was ärgert / frustriert mich an anderen Menschen besonders. Diese verstoßen mit ihrem Verhalten gegen einen deiner zentralen Werte. Beispiel: Es ärgert mich maßlos, wenn Menschen über andere lästern. Dann könnte „Gerechtigkeit“ ein wichtiger Wert sein. Es regt mich auf, wenn jemand bei einem Unfall nur zuschaut, anstatt zu helfen.  Dann könnte „Hilfsbereitschaft“ ein hoher Wert sein. Schreibe mindestens 15 Werte auf.

  1. Wenn du nun eine Liste mit mindestens 15 Werten hast, wähle 7 Werte aus und  versuche eine hierarchische Reihenfolge zu erstellen – also von 1-7.

Es kann eine Inspiration sein, mit anderen Menschen über diese Liste zu sprechen. Frage einige Freunde, was sie für Werte haben. Welche stimmen mit deinen überein, welche nicht? Wie kannst du bestimmte Entscheidungen bewusster anhand deiner Werte treffen?

Und: habe Mut, diesem Licht zu folgen! Du bist in der zweiten Phase der Geburt…

 

Beitrag teilen?
Follow

About the Author

Jan von Wille, leitet zusammen mit seiner Frau Susanne die Akademie für Lebenskunst und Leaderschip. Themen wie Achtsamkeit, moderne Spiritualität und Unternehmertum

>