Willst du Recht behalten oder Lieben?

By Jan | Beziehungen

Apr 29

„Nasrudin wurde einst gebeten, das Richteramt zu bekleiden. Bei seinem ersten Fall redete der Ankläger so überzeugend, dass Nasrudin nicht umhin konnte zu entgegnen: „Ich glaube, sie haben recht!“ Einer der Schöffen flüstere im darauf hin ins Ohr, dass er kein Urteil fällen dürfe, ohne den Angeklagten vorher gehört zu haben. Nasrudin war nicht weniger beeindruckt von der Eloquenz und Rechtschaffenheit des Angeklagten, so dass er spontan ausrief: „Ich glaube, sie haben recht!“ Sofort intervenierte einer der Schöffen: „Euer Ehren, es ist nicht möglich, dass beide, der Angeklagte und der Ankläger recht haben.“ Ganz ruhig antwortete Nasrudin „Ich glaube, Sie haben auch recht.“

Diese Geschichte verdeutlicht eine bestimmte Sichtweise, die in unserer westlichen Gesellschaft eher fremd ist. A kann nicht B sein und B kann nicht A sein. In der Schule haben wir eine bestimmte Dimension unseres Verstandes trainiert, der analysiert, trennt, unterscheidet und bewertet. Dadurch sind großartige Wissenschaften entstanden, von deren Ergebnissen wir profitieren. Die Kehrseite dieser Betonung ist die Einsamkeit. Denn diese Denkweise braucht die Trennung von Subjekt und Objekt. Das bedeutet, dass alles, was wir ausserhalb von uns wahrnehmen als etwas von uns Getrenntes betrachten. Das scheint uns ganz normal zu sein – wie ein Naturgesetz. Fast jeder ist heute darauf ausgerichtet, seine eigene Persönlichkeit, seine Individualität zu entdecken, auszubauen und sich dadurch von anderen zu unterscheiden. Folge dieser Ausrichtung ist eine tiefsitzende Einsamkeit, die nur unter sehr glücklichen Umständen aufgehoben wird.
Um unsere Beziehungen zu Menschen zu vertiefen und auch eine tiefere Verbindung mit Gott zu erleben, braucht es die Erkenntnis der Verbundenheit. Wir sind miteinander stärker verbunden, als wir das wahrhaben wollen. Wenn du 3 Minuten mit einem Menschen zusammen in einem Zimmer bist, habt ihr bereits viel gemeinsamen Sauerstoff ein und ausgeatmet. Sogar das, was du im anderen Menschen ablehnst, lebt oft gut versteckt in irgend einer Kammer deiner Persönlichkeit.
So zeigt ein Konflikt, den du mit einem anderen Menschen hast, immer auch einen verborgenen, abgelehnten Anteil deiner eigenen Person! Das ist auf den ersten Blick meist nicht zu erkennen und braucht eine innere Bereitschaft.

Jesus hat dieses Phänomen so ausgedrückt: „Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders und siehst nicht den Balken in deinem eigenen Auge“.

Das heißt, dass du den Holzsplitter nur deshalb so störend wahrnimmst, weil dein Balken aus demselben Material besteht, allerdings vergrößert. Der Konflikt, den du äusserlich in der Beziehung wahrnimmst, zeigt einen inneren Konflikt in dir. Bestimmte Anteile in deiner Persönlichkeit, die du abgelehnt hast, projizierst du auf die andere Person und du bekämpfst äusserlich das, was du innerlich nicht integrieren konntest. In den meisten Fällen wirst du zum Spiegelbild dessen, was du bekämpfst, und dessen, was du liebst.

Diese Sichtweise hilft dir besonders im Konflikt bei deiner Partnerschaft. Du brauchst den Partner nicht mehr als Feind ansehen, den du besiegen musst, sondern als jemand, der dir hilft, heil und ganz zu werden.
Wenn du wieder mit jemanden einen Konflikt hast, entschließe dich, als Ziel nicht „Recht“ behalten zu müssen, sondern gemeinsam zu gewinnen. Versuche, neben der „äusseren“ Lösung an den Konflikt in deinem Inneren heran zu kommen. Gibt es eine Spiegelung des äusseren Konfliktes in deinem Inneren? Was du beim anderen so stark bekämpfst – was könnte dir Kehrseite dessen in deinem eigenen Wesen sein?
Das braucht etwas Übung. Voraussetzung ist jedoch die Einsicht: Ich bin stärker mit meinen Mitmenschen verbunden, als ich das wahrnehmen kann.

„Willst du Recht haben, oder Lieben?“

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About the Author

Jan von Wille, leitet zusammen mit seiner Frau Susanne die Akademie für Lebenskunst und Leaderschip. Themen wie Achtsamkeit, moderne Spiritualität und Unternehmertum

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