Wie du in diesem Moment geduldig wirst

By Jan | Achtsamkeit

Aug 03
Sanduhr

Liebe, Freude, Frieden – in den letzten drei Beiträgen haben wir uns diese Qualitäten unserer Identität angeschaut. Allein diese drei Eigenschaften haben eine so positive Energie, dass sie das Potential haben, uns zu sehr glücklichen und zufriedenen Menschen zu machen.

Heute geht es um eine weitere Qualität, die zu unserem Leben gehört:

Geduld

…und auch hier beginne ich wieder mit der verwundeten Form dieser Eigenschaft. Ich nenne sie

Der Perfektionist.

Ein Perfektionist kann die eben erwähnten Eigenschaften – Liebe, Freude, Frieden – erleben, und ist doch nicht zufrieden.

Seine Welt ist eng und das Zusammensein mit ihm bringt das beständige Gefühl mit sich:

Es hätte besser sein können.

Perfektionisten nehmen ständig eine Feineinstellung vor. Egal was andere Menschen machen, es hätte noch etwas besser sein können.

Etwas „gut“ machen zu wollen, ist sicher eine sehr hilfreiche Einstellung.

Wo liegt der Unterschied zum Perfektionisten?

Den Perfektionist erkennt man nicht daran, dass er in seinem Leben alles auf die Reihe bekommt, sondern diese Person fühlt sich „eng“ an. Sein inneres Empfinden ist: „Es ist nie genug“. Das Gefühl von Erfüllung, wenn eine Aufgabe erledigt ist, stellt sich bei ihm kaum ein.

Die Aufgaben gut ausführen wollen, kann aus Liebe, Führsorge und Freude am Tun heraus entstehen. Beim Perfektionismus entsteht dieses Verlangen jedoch aus einer anderen Quelle:

Nicht beschämt oder beschimpft zu werden.

Meist hat das seine Gründe in der Kindheit. Erlebt ein Kind Liebesentzug, wenn es mit seinem Verhalten einen bestimmten Standard nicht erfüllt, prägt sich Angst vor Ablehnung und Strafe in uns ein. Diese Grundatmosphäre kann sich wie ein schädliches Programm in uns einnisten und zur Motivation für unser Verhalten werden.

Dies hat viele verschiedene negative Auswirkungen auf mein Leben. Besonders schädlich ist der Verlust zum Kontakt mit mir selbst.

Wenn ich die Aufgaben aus Liebe und Fürsorge verrichte, dann bin ich in Kontakt mit dem, was ich tue – und mit dem, wer ich bin.

Wenn ich die Aufgaben aus Perfektionismus heraus angehe, bin ich nicht in Kontakt mit meinem Tun, sondern in Kontakt mit meiner Angst.

Diese Energie trennt uns nicht nur von unserem eigenen Innenleben, sondern bringt auch Distanz in unsere Beziehungen hinein.

 

Susanne und ich sind jetzt 25 Jahre verheiratet. Wie jedes Ehepaar haben wir inzwischen verschiedene Phasen unserer Beziehung erlebt. Nach den ersten 2-3 Jahren kommt in der Regel die Phase der Ernüchterung. Wenn die ersten emotionalen Wogen des Verliebt seins etwas abklingen bekommt man einen nüchterneren Blick für den Partner. Die netten kleinen Unterschiede, die am Anfang so inspirierend erlebt wurden, sind jetzt nervig und öfters Auslöser für einen Streit.

Man merkt es manchmal auch an der Sprache. Da gab es am Anfang das Mäuschen, oder Kätzchen, oder Häschen, aber dann werden die Tiere immer größer…

Susanne und ich hatten uns in dieser Zeit vorgenommen, an unserer Beziehung „zu arbeiten“. Einmal im Monat hatten wir uns einen Abend Zeit genommen, um einen „Ehe-Check“ durchzuführen. Dazu erstellten wir Fragebögen, mit denen wir die verschiedenen Ebenen unserer Beziehung überprüfen konnten, ob sie sich im grünen, gelben oder roten Bereich bewegen. Jeder konnte dann ankreuzen, wie zufrieden er mit diesem Bereich der Beziehung war:

  • Freizeitgestaltung
  • Kommunikation
  • Verantwortung für den Haushalt
  • Sex
  • Finanzen
  • usw.

 

Diese Abende waren für uns schon hilfreich, aber irgendwann merkten wir, dass der Focus auf der Verbesserung lag. Und oft: auf der Verbesserung des anderen.

Eine bedeutende Wende kam in unsere Beziehung, als wir merkten, dass Veränderungen sich nur in ganz, ganz kleinen Schritten bemerkbar macht – wenn überhaupt. Auch heute reden wir immer wieder mal über unsere Beziehung, aber wir haben aufgehört, ständig eine Feineinstellung beim anderen vorzunehmen. Susanne ist gut so, wie sie ist. Wie sie jetzt ist.

Und wenn sie sich verändert, dann ist das auch ok.

Zu solch einer Einstellung der grundlegenden Annahme zu finden ist nicht einfach. Aber es gibt keinen anderen Weg für eine erfüllte Beziehung.

 

Wenn ich freier vom Perfektionismus werde, komme ich wieder in Kontakt zu meinem Inneren.

Und in dem Maße, wie ich Kontakt zu den Gefühlen bekomme, die durch Angst blockiert waren, können sich auch meine Beziehungen vertiefen und lebendiger werden.

Um zu dieser Lebendigkeit zu kommen, hat uns Gott die folgende, vierte Qualität in uns hinein gelegt:

Geduld

Wie geht es dir, wenn du dieses Wort hörst?

Liebe, Freude, Friede – diese Eigenschaften fühlen sich doch ganz stimmig und positiv an.

Geduld ist etwas komplexer.

Manche Menschen haben hier die tragischen Biographien von Menschen vor Augen, die scheinbar eine große Lebensaufgabe hatten:

Geduld lernen.

Allen voran Hiob, der zur Ikone für alle leidgeplagten Menschen geworden ist, die durch tiefe Täler wandern müssen, um am Ende des Lebens vielleicht wieder Licht zu sehen.

 

Aber Geduld steht in Verbindung mit Glauben und Vertrauen.

Heute möchte ich dir eine etwas ungewöhnliche Definition für Geduld anbieten:

„Geduld ist: Zufrieden sein mit dem Tempo Gottes in meinem Leben – und im Leben anderer!“

Lehn dich doch gerade jetzt mal für ein paar Sekunden zurück – spür mal in dein Leben hinein. Wie zufrieden bist du mit dir selbst? Wie zufrieden bist du mit deinen Beziehungen, mit deiner Beziehung zu Gott, mit deiner persönlichen Entwicklung, deiner Arbeit…

Auch wenn du das vielleicht nicht gleich annehmen kannst, aber vielleicht bist du als Mensch genau dort angekommen, wo du im Moment bist. Wenn du kompetenter, charismatischer, spiritueller, reicher sein könntest, dann wärst du es ja auch.

Wie du jetzt bist, das ist das, was du jetzt sein kannst. Du bist vielleicht im Vergleich zum letzten Jahr etwas reifer geworden und morgen wirst du hoffentlich auch einen kleinen Schritt vorwärts gekommen sein.

Aber für Heute bist du der Mensch, der du jetzt sein kannst.

 

Und das ist gut so!

 

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit meinem geistlichen Begleiter. Einmal im Monat treffen wir uns zum Gespräch und ich bin froh jemanden zu haben, der mich schon seit vielen Jahren kennt und ein guter „Seelenführer“ ist.

 

Diesmal kam ich mit einer konkreten Frage. Ich habe gemerkt, dass sich mein äußerer Dienst und die Verantwortung, die ich wahrnehme, kontinuierlich wachsen.

Aber ich nehme auch eine Diskrepanz wahr zur Entwicklung meines „verborgenen“ Menschen. Mein Inneres wächst nicht so schnell mit im Verhältnis zu den steigenden äußeren Verantwortungen.

„Wie kann ich innerlich weiter wachsen“ war meine Frage.

Seine Antwort hat mich zuerst sehr geärgert, dann aber in ein längeres Nachdenken katapultiert.

„Dafür kannst du gar nichts machen“.

Was du tun kannst, wenn du Sehnsucht nach innerem Wachstum hast – du kannst Gott deine Sehnsucht hinhalten.

Und wenn du Sehnsucht hach Gott in dir spürst, ist das erst einmal ein Zeichen dafür, dass Gott Sehnsucht nach dir hat!

 

Das tat gut!

Glaubst du, dass Gott für alles großen, göttlichen Zeitplan hat? Ein Plan, der weit über unseren begrenzten Horizont hinaus geht.

Und Gott entwickelt uns nicht alle nach dem gleichen Schema! Jeder Mensch hat eine ganz eigene Bestimmung und seinen eigenen Beitrag für diese Welt.

 

Und wenn dein Herz offen ist, wenn du Gottes Wirken in deinem Leben bejahst und deine Sehnsucht lebendig hälst, dann wird Gottes Arbeit an deinem Leben genau richtig sein. Und dann kommst du zu einer großen inneren Ruhe – und das bringt eine große Zufriedenheit in dein Leben.

Es ist schön zu sehen, wenn wir uns als Menschen in jeder Lebensphase weiter entwickeln und reifen.

Aber in jeder Phase unseres Lebens drücken wir das aus, was uns gerade entspricht.

Wenn du ein kleines Kind hast, vielleicht im Alter von 1-2 Jahren, würdest du in sein Zimmer gehen und denken:

Was für ein unvollständiges Wesen! Diese unkoordinierten Bewegungen, diese erbärmlichen Haare, und wie es im Zimmer rumtorkelt und alles unordentlich macht …!

Sicherlich nicht.

In jeder Phase sehen wir unsere Kinder und sagen: „Wie wunderbar. Was für ein kostbares Leben!“

Als unser erstes Kind geboren wurde, war ich total aufgeregt. Ich lief durch das Krankenhaus zur Geburtsstation, sah links und rechts in den anderen Zimmern Frauen mit ihren Neugeborenen und konnte nicht glauben, wie hässlich diese kleinen Wesen waren.

 

Dann, als ich unser eigenes Kind direkt nach der Geburt in den Armen hielt, sah ich das schönste Wesen der Welt.

Sie war perfekt, wunderbar, geheimnisvoll – unsere Tochter!

Jetzt, Jahre später, nachdem wir schlaflose Nächte und viel Drama hinter uns haben – ist sie immer noch wunderbar!

 

Was tut Gott grade in deinem Leben?

Wenn du eine mögliche Antwort auf diese Frage haben möchtest, schau mal in den Bereich deines Lebens, der am meisten durcheinander ist.

Wo du die meisten Fragen hast und am deutlichsten an deine Grenze gekommen bist.

Denn die Grenze, weißt dich auf den neuen Lebensraum hin, in den Gott dich führen will. Und das spürst du, wenn du dich außerhalb deiner Komfortzone bewegst­.

Und wenn du offen bist für Gottes Geist, und dein Herz nicht verschließt, dann kannst du innerlich zur Ruhe komen und zufrieden sein, mit seinem Tempo in deinem Leben.

 

Das heißt natürlich nicht, dass wir faul oder lässig werden, aber es bedeutet eine grundlegende Zufriedenheit mit dem Tempo Gottes in meinen Leben – und im Leben anderer Menschen.

Fragen zur Meditation:

  • Was tut Gott in deinem Leben?    
  • Hast du Sehnsucht nach Gott? Halte diese Sehnsucht wach – dann wird sie sich mit Gottes Sehnsucht nach dir verbinden!

„Wenn du mit dem Beten nicht aufhören willst, dann höre mit der Sehnsucht nicht auf. Denn deine Sehnsucht ist dein unablässiges gebet!“

 

 

 

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About the Author

Jan von Wille, leitet zusammen mit seiner Frau Susanne die Akademie für Lebenskunst und Leaderschip. Themen wie Achtsamkeit, moderne Spiritualität und Unternehmertum

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