Warum Liebe die Voraussetzung für Erkenntnis ist

By Jan | Achtsamkeit

Jun 09
Distanz oder Nahe Sein

„Das Auge ist das Licht des Leibes. Ist dein Auge gesund, wird dein ganzer Leib erleuchtet sein.” Matt. 6,22

Als ich 21 Jahre wurde, begann bei mir eine intensive Gottessuche. Die Frage nach Gott ließ mich nicht los und wurde zum zentralsten Thema in meinem Leben. Ich suchte Gott in der Literatur, in der Kunst, in Philosophien, in der Natur…

Jan studiert Literatur
Einmal lief ich voller Verzweiflung nachts in den Wald und schrie: Gott, wo bist du? Ich bekam keine Antwort! Gott begegnete mir aber einige Zeit später durch ein einfaches, stilles Gebet in meinem Wohnzimmer. Es war der Moment wo ich aufhörte, eine bestimmte Vorstellung von einer Gottesbegegnung zu haben.

Als Folge dieser “Bekehrung” erlebte ich ca. 2 Monate lang einen Frieden, den ich vorher noch nicht kannte.
Ich hatte ein Gefühl von Einheit mit allem Sein.

Mich haben immer solche tiefen Einschnitte im Leben von Menschen begeistert. Da gibt es eine Kraft, die dem Leben eine ganz neue Wende geben kann. Es gab aber auch viel Ernüchterung in meinen Beobachtungen von Lebensläufen. Menschen, die eine solche Bekehrung erlebt haben, blieben irgendwie dann doch wieder in ihren alten Mustern stecken. Sie wuchsen in eine geistlichen Gemeinschaft hinein, aber irgendwie ging die Reise, die mal mit großem Paukenschlag begonnen hat, nicht wirklich weiter.

Das mag viele unterschiedliche Gründe haben. Ein Grund kann darin liegen, dass wir in der westlichen Christenheit immer noch sehr dogmatisch geprägt sind. Wir legen Wert auf die richtigen Glaubenssätze, haben ein klares Gruppenverständis (hier sind wir und “die” sind dort) und achten auf das rechte Verhalten. Nicht, dass das unwichtig wäre, aber es führt nur bis zu einer gewissen Grenze.

Inzwischen glaube ich, dass vollständige Bekehrung ein lebenslanger Prozess ist und nicht nur das behandelt, WAS ich erkenne sondern WIE ich erkenne.
Glaubensinhalte sind wichtig, aber sie werden durch den Verstand gelehrt und mit dem Verstand erfasst. Diese Art von Erkenntnis bleibt immer etwas außerhalb von mir.
Viele Mystiker und auch das Hohelied Salomos betonen, dass man nur das wirklich erkennen kann, was man vorher geliebt hat.
Wissenschaftler erkennen zum Beispiel durch das Mikroskop und brauchen dafür Distanz. Einen Menschen – und auch Gott erkennen – braucht aber Nähe, sogar Intimität. Eine Verbundenheit im Innersten. Deshalb können sich meine Beziehungen – ob zu Menschen oder zu Gott – nur vertiefen, wenn ich bereit bin, mich im Innersten zu öffnen und dadurch zu verändern.

Distanz und Nahe Sein

 

“Man sieht nur mit dem Herzen gut”, sagt der französische Schriftsteller Antoine de Saint Exupéry.

Entscheidend für diese Sichtweise ist Präsenz. D.h. ich lerne, mit meiner Aufmerksamkeit im Jetzt zu sein und nicht in der Vergangenheit oder Zukunft.
Hier geht es um eine radikale und graduelle Veränderung unserer Ausrichtung. Natürlich ist es wichtig, über die Vergangenheit zu reflektieren und dadurch zu lernen. Wir brauchen auch unseren analytischen Verstand um uns Gedanken über unserer Zukunft zu machen. Für diese Zeitdimensionen brauchen wir unseren Verstand, und der ist ständig in uns aktiv und hält uns in diesen beiden Dimensionen gefangen.

Aber wie lange schaffen wir es, im Jetzt zu sein?

Ganz gegenwärtig?
Selten sind wir ganz bei dem, was wir gerade tun.

Beim Frühstück lesen wir die Zeitung, beim Zugfahren hören wir Musik, beim Autofahren telefonieren wir… Normalerweise sind wir so sehr in Gedanken, das heißt in unseren Vorstellungen und Meinungen, dass wir nicht die Wirklichkeit erleben, sondern unser Bild von der Wirklichkeit. Wir erleben selten völlige Einheit mit dem Außen und Innen, d.h. Intimität.
Aber in den wenigen Momenten, wo wir sinnlich ganz bei einer Sache sind, übersteigen wir den analytischen Verstand und sind “Eins” mit unserem Erleben.

Trauma, Sehnsucht und Einheit

Diese Einheit ist eine tiefe Sehnsucht in uns Menschen, denn wir kommen alle aus der unmittelbar erfahrenen Einheit.

Baum des Lebens
9 Monate lebten wir in der völligen Verschmelzung und Verbundenheit mit unserer Mutter. Dieser Zustand ist unsere Urerfahrung und wird ebenso in den ersten Seiten der Bibel reflektiert.
Hier wird der Garten beschrieben, ein Raum und ein Zustand der Einheit mit Gott und allem Sein. Das Trauma, der Schmerz der Trennung geschah in der Vertreibung aus eben diesem köstlichen Urzustand.
Jeder Mensch kommt aus dieser Erfahrung des Traumas und Trennungsschmerz – und erfährt in seinem Leben diesen Schmerz auf unterschiedliche Weise wiederholt.

Der Moment der Bekehrung zu Gott, unserem Ursprung, wird deshalb so stark erlebt, weil er uns wieder in die ursprüngliche Einheit führt.

Betonen wir in den Glaubensfragen jedoch Glaubensinhalte, die mit dem Verstand erfasst werden können und führen nicht in die Herzenserfahrung, sind wir wie neugeborene Babys, die bei einer Lehrerin statt bei einer Mutter aufwachsen.

Es fehlt der Körperkontakt,

die Berührung,

die Geborgenheit…

Ein bewusstes Leben in der Gegenwart, im Jetzt, ist auf diesem Weg eine große Hilfe.
Ein weiterer kraftvoller Weg ist das Bewusstsein der Verbundenheit mit allen anderen Menschen.
So unterschiedlich wir Menschen auch sind – letztlich bewegen uns alle die gleichen großen Fragen und Bedürfnisse.

Und da jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist, in sein Bild geschaffen, kann ich mich auf die Suche nach der göttlichen Schönheit im Anderen machen.
Nicht nur seine äußere, sondern besonders seine innere Schönheit.
Innere Schönheit sieht man nicht auf den ersten Blick sondern muss entdeckt werden. Dafür braucht es eine willentliche Öffnung meines Herzens. Nur wenn wir unser Herz für andere Menschen öffnen, können wir die oft verborgene innere Schönheit erkennen.

ÜBUNG:

Nimm dir in den nächsten Tagen vor, einzelne Menschen, mit denen du gerade zu tun hast, mit deinem Herzen wahrzunehmen. Versuche ihre innere Schönheit zu erkennen. Was kannst du an Einzigartigem in ihnen erkennen? Versuche sie mit Gottes Augen zu sehen.
Wenn dir das ein paar mal geglückt ist, gehe einen Schritt weiter.

Suche bewusst Kontakt mit Menschen, bei denen die innere Schönheit und Würde für deine Augen nicht mehr zu sehen sind. Entweder weil dieser Mensch für dich sehr unsympathisch ist, oder auch weil du im Streit mit ihm liegst. Treffe eine radikale Entscheidung und versuche auch in diesem Menschen Gott zu erkennen.
Komme danach mit Gott ins Gespräch.

Du wirst merken, dass durch diese Übung deine Empfänglichkeit für Gottes Gegenwart und Gottes Liebe für dich besonders intensiviert wird!
Ps: Hast du ähnliche – oder andere – Erfahrungen gemacht – schreibe es unten in das Kommentarfeld hinein!

Pps: in diesem Video verdeutliche ich die Übung aus einem anderen Blickwinkel:

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About the Author

Jan von Wille, leitet zusammen mit seiner Frau Susanne die Akademie für Lebenskunst und Leaderschip. Themen wie Achtsamkeit, moderne Spiritualität und Unternehmertum

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