Abschied von der Opfermentalität

By Jan | Achtsamkeit

Jul 14
Freude

Das neue Testament handelt von der Person Jesus Christus. Auf verschiedene Weise wird er beschrieben: Sein Wesen, seine Mission, seine Reden und sein Handeln. Aber in diesen Schriften finden wir auch Texte, die uns Menschen beschreiben – und zwar aus der Sicht Gottes.

Wie sieht mich Gott?

Je klarer ich dieses Bild und diese Perspektive in mir aufnehme, desto natürlicher und tiefgreifender geschehen Veränderungen in meinem Charakter.

Deshalb lädt uns Gott ein, diese Person kennen und lieben zu lernen – und uns mit unserem wahren Selbst zu identifizieren.

Lehn dich doch gerade jetzt mal zurück und genieße diese Beschreibung deiner Person:

Die Frucht, die der Geist in uns wachsen lässt, ist: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung.“  Galater 5,22

Das ist die Beschreibung deiner Identität in Gott.

Wenn wir dieses Selbstbild wirklich in uns aufgenommen haben, wird diese Einsicht immer mehr auch unser Verhalten prägen. Wenn wir zwischendurch aus unserem alten Ego heraus handeln, dann erinnert uns der Geist Gottes sanft aber bestimmt: hey, das bist nicht du! Du lebst unter deinen Möglichkeiten! Das ist nicht deine wahre Identität!

Heute geht es um den zweiten Aspekt unserer Identität in Gott:

Freude!

Und auch hier möchte ich zuerst die Seite unseres Inneren in ihrem unerlösten Zustand beschreiben. Wenn sie noch von den Wunden unserer Vergangenheit geprägt ist – und dadurch verformt ist:

Ich nenne diese Verformung

„Opfermentalität“.

 

Menschen, mit solch einem Selbstbild sehen sich als Opfer der Umstände.

Sie sehen sich als Gefangene ihrer eigenen Vergangenheit.

Das Opfer

Unsere Gesellschaft fördert dieses Denken. Wenn du primär das Ergebnis deiner Vergangenheit bist, kannst du nicht zur Verantwortung gezogen werden.

Immer wieder hört man von Urteilsverkündigungen, bei dem der Täter freigesprochen wird, weil er für seine Tat nicht verantwortlich gemacht werden konnte. Seine eigene Biographie hat ihn zu dieser Tat geführt und aufgrund akuter Belastungsstörung wird ihm eine Schuldunfähigkeit zugesprochen. Aber was passiert mit jemandem, der von höchster Stelle gesagt bekommt:

„Aus dir kann nur ein Mörder werden.“

„Du bist nicht zurechnungsfähig, deine Vergangenheit hat dich so dramatisch beeinflusst und bestimmt dass wir dich nicht zur Verantwortung ziehen.“

 

Es ist ein Ausdruck tiefster Hoffnungslosigkeit.

Wenn uns unsere Vergangenheit bestimmt, haben wir keine Hoffnung mehr, denn wir können unsere Vergangenheit nicht verändern.

Ja, die Vergangenheit beeinflusst uns stark, und es gibt Erlebnisse, die in uns tiefste Wunden schlagen!

Aber die gute Nachricht des Evangeliums ist: du wirst nicht bestimmt durch deine Vergangenheit! Der Geist Gottes in dir löst den Einfluss, den deine Vergangenheit auf dich hat, auf und erlöst dich aus der Gefangenschaft.

Gott geht in seinen Aussagen sogar noch weiter: die Dinge, die zu deiner Zerstörung gedacht waren, wendet er zu deinem Besten! Das ist gute Nachricht!

 

Als ich 40 Jahre alt wurde, habe ich mich mit meinem Stammbaum beschäftigt.

Ich kann unsere Ahnenlinie bis zur 6. Generation zurück verfolgen. Unter ihnen gab es eine ganze Reihe Kunstmaler, einige Juristen und Mediziner. Teilweise sehr originelle Typen, aber auch dunkle Gestalten. Als ich bei einem gewissen geheimen Kriegsrat angekommen bin, habe ich mit meinem Forschen besser aufgehört.

In dieser Zeit hatte ich mich auch noch mal mit meinen Elternhaus beschäftigt. Meine Mutter starb bei der Geburt meiner jüngsten Schwester. Mein Vater war nach diesem schweren Schicksalsschlag mit den 5 Kindern völlig überfordert und so kamen wir in ein Kinderheim.

Diese schweren Jahre haben ihre Spuren hinterlassen. Ich erinnere mich gut an ein besonderes Vater-Sohn-Gespräch zu dieser Zeit.

Mein Vater erzählte mir von vielen Träumen, die so nie in Erfüllung gegangen waren.

Aber er konnte genau so von den Momenten berichten, in denen er glücklich und zufrieden war, obwohl er nicht alle Träume erreicht hatte.

Der Mensch mit einer Opfermentalität nimmt diese Momente nicht wahr. Er wird dominiert von der Vergangenheit, die enttäuschend war und erwartet von der Zukunft die Erfüllung von all dem, was er bis jetzt vermisst hat. Somit ist er vom Leben im Jetzt abgeschnitten.

 

Erkennbar wird dies an der Sprache:

Häufig sprechen solche Menschen in der „Wenn-Form“:

Wenn ich einmal genug Geld habe…“, „Wenn ich den richtigen Partner gefunden habe…“, „Wenn ich eine andere Arbeit hätte…“

Oder auch: „Ich kann nicht glücklich sein bis … (ich den richtigen Partner/die richtige Arbeit/ das passende Umfeld etc.) gefunden habe.“

 

Auf diese Weise gibt er jedoch die Chance auf sein Glück an andere Menschen oder seine Umstände ab. Verbunden damit überträgt er die Verantwortung für sein Glück ebenfalls an andere Menschen und überlastet seine Beziehungen dadurch enorm.

Auf Dauer werden diese Menschen innerlich sehr isoliert und das Gefühl von Neid wächst in ihnen. Sie schauen neidisch auf Menschen, denen es gut geht und können keine Dankbarkeit oder Freude empfinden.

Die Frucht des Geistes, die das Opfer erlöst ist:

Freude

„Freude ist nicht das Ergebnis unserer Umstände, sondern die Linse, durch die ich meine Umstände sehe.“

 

Kennst du folgende oder ähnliche Situation:

Du fährst auf der Autobahn und vergisst ganz das Tempo. Die Straße ist ausnahmsweise mal frei und es fährt sich herrlich leicht – plötzlich siehst du im Rückspiegel ein Blaulicht – die Polizei! Oh Schreck! Das Polizeiauto überholt dich und du siehst die Aufschrift: Bitte folgen. Adrenalin schießt in deinen Blutkreislauf und intensive Gefühle entstehen:

Ärger: die anderen sind auch zu schnell gefahren, warum ICH?

Angst: wie hoch wird die Geldbuße sein? Wie sag ich es meiner Frau?

(Dankbarkeit: dass ich keinen christlichen Aufkleber habe)

 

Du bremst langsam ab und fährst rechts auf dem Parkplatz und die Polizei … fährt einfach weiter.

Welche Gefühle hast du in diesem Moment?

Erleichterung, Heiterkeit, Staunen…?

Nun die Frage: war die Polizei hinter dir her? Wahrscheinlich nicht. Aber solange ich es geglaubt habe, hatte ich bestimmte Gefühle wie Angst, Ärger, Scham…

Als sich meine Wahrnehmung geändert hat, haben sich auch meine Gefühle verändert.

 

Dieses Ereignis illustriert eine sehr grundlegende Wahrheit:

Worauf du deine Aufmerksamkeit lenkst, lässt in dir Gedanken und dann entsprechende Gefühle entstehen.

Ob ich die Welt als einen Platz voller Angst, oder einen Platz voller Freude und guter Gefühle wahrnehme, liegt daran, worauf ich mich konzentriere und welche Bilder ich in meinem Kopf entstehen lasse. Und jedes Gefühl bringt eine bestimmte Energie mit sich.

Was viel Aufmerksamkeit bekommt, das wächst. Du weißt bestimmt ganz genau, was in deinem Leben mehr werden soll. Konzentriere dich drauf und stell es dir so vor, als wenn es schon da wäre.

„Du bist dort, wo deine Gedanken sind. Sieh zu, dass deine Gedanken dort sind, wo du sein möchtest.“

(Rabbi Nachmann).

 

Dankbarkeit setzt Freude frei

„Freude bedeutet nicht, alles zu haben was ich mir wünsche, sondern dankbar für das zu sein, was ich bereits habe.“

Dankbarkeit ist eine Orientierung auf das Gute im Leben und eine Liebeserklärung an das Leben.

Egal wie viele Schwierigkeiten du gerade erlebst, du kannst für das Schöne und Angenehme im Leben trotzdem dankbar sein.

Voraussetzung für diesen Focus ist die Konzentration auf die Gegenwart, auf das, was jetzt gerade ist. Wir spekulieren weniger und das erleichtert wiederum die Dankbarkeit. Dankbarkeit verhindert und heilt negative Gefühle, denn sie werden ausgeglichen, ersetzt oder finden erst gar nicht statt. Wir können nicht im gleichen Moment dankbar und enttäuscht sein. Dankbarkeit verändert unsere Wahrnehmung und lenkt den Blick auf das Positive, wofür wir dann wieder dankbar sind.

„Es ist nicht möglich, zur gleichen Zeit dankbar und enttäuscht zu sein“

Eine große Hilfe ist es, bereits am Morgen im Bett, bevor du aufstehst, darüber nachzudenken, wofür du heute dankbar sein kannst.

Dieses gute Gefühl nimmst du dann mit in den Tag und du wirst andere Dinge wahrnehmen, weil du sie erkennst.

Dankbarkeit ist eine Linse, mit der du das Leben wahrnehmen kannst. Die Umstände werden sich dadurch noch nicht verändern, aber durch deine veränderte Sichtweise fängst du an, andere Möglichkeiten zu sehen. Du bekommst ein Gespür für Gottes Gegenwart in jeder Situation und dadurch wird dein Herz gestärkt.

 

Zum Schluss möchte ich eine Geschichte erzählen, die mir ein befreundeter Pastor erzählt hat.

Mark war zu diesem Zeitpunkt Pastor einer größeren Kirchengemeinde und eines Tages kam eine junge Frau im Rollstuhl in den Gottesdienst. Nach dem Gottesdienst unterhielten sie sich und es wurde klar, dass diese junge Frau nicht nur ein körperliches Leiden hatte, sondern auch unter einer schrecklichen Vergangenheit litt.

Ihre Eltern kamen mit ihrer Krankheit nicht zurecht und so wurde sie von einer Pflegefamilie zur anderen weiter gereicht. Diese Erfahrungen waren bitter und schon im jungen Alter war diese Frau von den Schmerzen des Lebens gekennzeichnet.

 

Nach einigen Wochen und Monaten fand sie Kontakt zu einer jungen Erwachsenengruppe. Bisher war sie es gewohnt, dass sie zu einem bestimmten Zeitpunkt nach Hause geschickt wurde, damit die anderen frei für ihren Freizeitspaß waren. Aber hier war es anders – sie wurde einfach mitgenommen. Das war überraschend für sie und mit der Zeit fasste sie Vertrauen in die anderen aus der Gruppe.

Eines Tages plante diese Gruppe eine Wanderung in den Bergen. Auch hier wurde Melanie mitgenommen. Der Rollstuhl wurde ins Auto gepackt und bei der Wanderung durch die Berge nahm einer nach dem anderen Melanie auf den Rücken. Melanie erlebte einen ganzen Tag in den Bergen, von einer Schulter zur anderen. Das war die erste Wanderung ihres Lebens. Einer der jungen Männer war Daniel und einige Zeit später kam Daniel zu Mark und sagte, dass er Melanie gerne heiraten würde. Nach einigen Wochen in denen sie oft miteinander gesprochen hatten sagte Daniel: Ich weiß, dass unsere Ehe niemals „normal“ sein wird. Aber ich liebe Melanie. Vielleicht werden wir nicht viel Zeit miteinander haben, aber wie lange auch immer – würdest du uns trauen?“

Mark sagte zu und es wurde die bewegteste Trauung seines Lebens. An diesem Tag war die ganze Gemeinde versammelt. Daniel trug Melanie im weißen Kleid zum Traualtar und beide versprachen sich die Treue.

Obwohl es medizinisch nicht möglich war, bekamen sie eine Tochter. Sie war völlig gesund. Als die Tochter ungefähr 3 Jahre alt war, kam Melanie ins Büro vom Mark. Ihre Krankheit wurde nicht besser, sondern in Schüben immer schlimmer. An diesem Tag sagte Melanie, dass sie spürt, wie ihre Lebenskraft langsam nachlässt und die Schmerzen zunehmen. Gleichzeitig sei sie so dankbar für dieses Leben, dass sie sich niemals erträumt hatte: verheiratet zu sein, ein Kind zu haben, Anschluss an eine Gemeinschaft gefunden zu haben. Und jetzt merkt sie, dass ihr Leben doch so früh zu ende geht. Sie weiß, dass sie loslassen müsse, aber sie schaffe es nicht.

Mark wusste darauf nichts zu sagen, und so saßen sie einfach eine ganze weile schweigend zusammen. Dann, mit einem mal, lehnte sich Melanie zurück und sagte mit einer Bestimmtheit in ihrer Stimme: „Ich weiß jetzt, was ich machen werde. Ich werde jeden Atemzug, den ich noch habe, als ein Geschenk Gottes annehmen. Das ist es, was ich tun werde.“

 

Manchmal braucht es extreme Lebenssituationen, um zu einer neuen Sichtweise vorzudringen. Aber man muss nicht erst im Rollstuhl sitzen um für den Augenblick dankbar sein zu können.

Freude wächst in meinem Leben, wenn ich meine Umstände durch die Linse der Dankbarkeit anschaue.

Beitrag teilen?
Follow

About the Author

Jan von Wille, leitet zusammen mit seiner Frau Susanne die Akademie für Lebenskunst und Leaderschip. Themen wie Achtsamkeit, moderne Spiritualität und Unternehmertum

>